Internationale Studientage in Rosheim (Elsass), März 2011

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Wer zwischen dem 14. und dem 18. März 2011 die kleine neugotische Klosterkirche der Benediktinerinnen vom Hlst. Sakrament in Rosheim (Elsass) während der Liturgie betrat, fand eine bunt gemischte feiernde Gemeinde von über 40 Schwestern vor. Bunt war das Meer ihrer Ordensgewänder und Schleier – blau, schwarz, beige, weiß –, verschiedenartig die Hautfarben – nordeuropäisch hell, südeuropäisch braun, afrikanisch schwarz – vielfältig klangen ihre Gesänge, bei denen die afrikanischen Trommeln nicht fehlten. Aus Frankreich, Polen, Italien, Deutschland, Niederlande und Uganda waren sie ins Elsass gereist. Gemeinsam wollten sich die Benediktinerinnen vom Hlst. Sakrament mit der Spiritualität ihrer Gründerin, Mechtilde de Bar (1614-1698), beschäftigen – unter dem Motto: „Lasst uns Jesus Christus als unser Leben anbeten.“ Die meisten Schwestern waren „jung“, zumindest nach Eintrittsalter, einige Novizinnen und Triennalprofessen befanden sich darunter, sowie Schwestern, deren Gemeinschaften in Uganda sich auf den Übertritt in unser Ordensinstitut vorbereiten. M. Marie-Pierre Bonavallot, Priorin in Rosheim, und ihre Gemeinschaft nahmen sie alle überaus herzlich auf. Nicht weniger herzlich und bewegt war der Willkommensgruß der französischen Föderation durch ihre Präsidentin, M. Marie-Véronique Ducroq aus Rouen, am ersten Abend, sowie die Bekundung der Verbundenheit durch andere Klöster, die nicht anwesend sein konnten.

Bezeichnend für die Studientagung war, dass sämtliche Vorträge von den Schwestern selbst erarbeitet und gehalten wurden. Es war also mehr ein Teilen – partager, wie die Franzosen so gern sagen – als ein Belehren; immer wieder im Wechsel zwischen Vortrag und Austausch in Kleingruppen oder im Plenum, erfrischend lebendig moderiert durch M. Marie-Esther Stucci, Priorin in Tarquinia und Präsidentin der italienischen Föderation. Als Übersetzerin diente Martha Krylow, eine Studentin aus Bonn, dazu die eine oder andere mehrsprachige Schwester, wie es sich ergab. Die Sprachvielfalt erforderte wohl einiges an Zeit und Geduld, nicht selten unterbrochen durch ein herzliches Lachen, da alle irgendwie von Spracheinschränkungen betroffen waren. Der Austausch klappte! Dabei waren die besprochenen Themen alles andere als leicht. Unter der Leitung von Sr. Theresia Lanfermann aus Köln, die mit viel Begeisterung und Wärme die Tagung im wesentlichen organisiert hatte und durchführte, waren sie zuvor den verschiedenen Föderationen zugeordnet worden.

Grundlage der Spiritualität unserer Tradition ist ein ausgeprägtes Bewusstsein der Taufe. Mit diesem Thema beschäftigten sich die polnischen Schwestern. Sr. Dominika Perzyna aus Warschau befragte dazu die Briefe Mechtildes an die Gräfin Marie von Châteauvieux, eine Freundin und Wohltäterin des ersten Klosters in Paris, die von Mechtilde geistlich begleitet wurde. Mechtilde traute den Laien aufgrund der Taufgnade ein genau so intensives geistliches Leben zu wie den Ordensleuten und Priestern. Nach ihrer Ansicht ist die Profess lediglich ein „Mittel“ – neben vielen anderen –, zu dem sich die Ordensleute verpflichten, um die Gnade der Taufe anzunehmen und mit aller Konsequenz entsprechend zu leben. Die Laien tun dies nicht weniger, nur auf andere Weise. Sr. Dominika stellte diesen durch das 2. Vatikanische Konzil uns heute recht vertrauten Gedanken in den Zusammenhang der Auseinandersetzungen des 17. Jahrhunderts, nicht zuletzt der durch die Reformation auch im Katholizismus entstandenen Zweifel am Sinn und Wert der Gelübde. Mechtilde lässt sich von diesen Auseinandersetzungen nicht beeindrucken, sondern wendet sich einer tieferen Ebene zu: zur unbedingten Wertschätzung der Taufe als bedingungsloses Geschenk der Liebe Gottes, als reine Quelle des Lebens, die jeder und jedem zugänglich ist und aus der alles andere erwächst und seinen Wert hat, auch die Profess.

Für die italienische Föderation war das erste Kapitel des Buches „Der wahre Geist“ von Mechtilde de Bar vorgesehen, in dem es um Grundsätzliches zu unserer Berufung geht. Zunächst teilte uns Sr. Maria-Carla Valli (Montefiascone) mit temperamentvollem Engagement Wissenswertes zur Redaktionsgeschichte des „Wahren Geistes“ mit, was den Zugang zu diesem anspruchsvollen Buch des 17. Jahrhunderts erleichterte und manche Frage im Vorfeld klärte. Sie betonte die mystische Erfahrung Mechtildes, aus der heraus sie die Texte geschrieben hatte, die wiederum nur mit einer gewissen Erfahrung richtig verstanden werden können. Ein weiterer Vortrag der italienischen Schwestern bestand aus Beiträgen einzelner Klöster zu verschiedenen Schlüsselbegriffen in dem genannten Kapitel. Sie zeigten die Vielfalt der Facetten darin und natürlich auch die Verschiedenheit der Gemeinschaften, die ihre Gedanken zusammengetragen hatten. Der Text wurde von Sr. Maria Carla Valli (Montefiascone), Sr. Mariastella Bartoli (Mailand) und Sr. Edith Moriggia (Ronco di Ghiffa) vorgetragen.

Die Schwestern von Tororo und Arúa (Uganda) erarbeiteten etwas zum 2. Kapitel des „Wahren Geistes“, das sich mit den erforderlichen Grundhaltungen derer beschäftigt, die sich zu einem Leben als Benediktinerinnen vom Hlst. Sakrament vorbereiten. Das Thema war für sie besonders angebracht, da sie sich gerade darauf vorbereiten, in unser Ordensinstitut aufgenommen zu werden. Mit afrikanischer Unmittelbarkeit, Konkretheit und Frische teilten sie uns durch Sr. Gemma Lunyol (Tororo) und Sr. Rita Mkasahani (Arúa) ihre Gedanken mit, die klar in der Hl. Schrift verwurzelt sind und zugleich die Menschen heute im Blick haben. Es war ermutigend, diese jungen afrikanischen Schwestern zu hören, für die vieles noch recht neu ist. Tororo hatte früher einmal zu unserem Ordensinstitut gehört, gegründet durch das niederländische Kloster Breda. Es hatte sich bald aber aufgrund der politischen Unruhen im Land von uns getrennt, da die niederländischen Gründerschwestern das Land verlassen mussten und die Kontaktmöglichkeiten nach Europa fast unmöglich geworden waren. Sie lebten jedoch als benediktinische Gemeinschaft weiter. Nun kehren sie zurück zu ihren Wurzeln. Die Gemeinschaft von Arúa, die noch nicht zum Orden St. Benedikts gehört, pflegt seit längerer Zeit eine ausgeprägte eucharistische Spiritualität und hat ebenfalls um Aufnahme gebeten. Der Eifer und die Offenheit dieser Schwestern in der Beschäftigung mit unserer Spiritualität – in afrikanischer Weise – beeindruckten und bereicherten die Europäerinnen mit ihrer langen Tradition, die oft genug konfrontiert werden mit Ermüdung und Abbau in Gemeinden und Klöstern des Kontinents.

Die niederländischen Schwestern durften sich mit dem anspruchsvollen Thema „Victima“ (Opfergabe) befassen, die wir immer mehr werden sollen, wie Paulus sagt (vgl. Röm 12,1f), und wie die Liturgie uns immer wieder erinnert (vgl. 4. Hochgebet). Mechtilde meint mit dem Begriff „Victima“ die Ganzhingabe in Taufe und Profess, konsequent gelebt in der Kraft der Liebe, die in der eucharistischen Hingabe Jesu uns geschenkt ist und den Tod überwindet. Sr. Bernarda Kötting aus Tegelen hatte mit großem psychologischen und spirituellen Gespür einen theologisch sehr gut fundierten Text erarbeitet. Vor allem stellte sie die Verbindung zum eucharistischen Weg Jesu dar, an dessen Liebe wir teilnehmen dürfen. In Mechtildes Texten wird diese Verbindung sehr deutlich. Geradezu originell und zeitgemäß war Sr. Bernardas Gedanke, dass ein nicht geringer Teil unseres Weges als „Victima“ gerade darin besteht, aus unserem „gewöhnlichen“ Opferhabitus auszuziehen, in dem wir uns oft selbstverliebt einrichten. Das insgeheim murrende, sich in Selbstmitleid verzehrende Herz lässt uns leicht ungerechtfertigte Ansprüche stellen und verhärtet mit der Zeit. Was Mechtilde und lange vor ihr Paulus dagegen mit „Victima“ meinten, ist alles andere als ein „Opfersyndrom“, vielmehr ein Aushalten der Liebe Gottes, schließlich ein Ausdruck innerer Freiheit und gereifter Liebe von Menschen, die sich von diesem Geschenk treffen, umwandeln und leiten lassen. Es ist ein Leben in Gemeinschaft mit der „Victima Paschalis“, Jesus Christus, der durch sein Sterben und Auferstehen zum „Victor“ (Sieger) über Leben und Tod geworden ist.

Nicht weniger anspruchsvoll war das Thema der Deutschen: das „Nichts“ in den Schriften Mechtildes. Sr. Bernadette Tonne (Osnabrück) hatte ihrem Beitrag die Überschrift gegeben: „Im Nichts die Fülle finden“. Es gelang ihr, ein von Natur aus für die Menschen schwer einsehbares „Lebensgesetz“ mit einfachen Worten zu erläutern und dabei aus den unterschiedlichsten Erfahrungen von Menschen zu schöpfen – auch aus eigenen. Ob Sokrates, das Johannesevangelium, Benedikt von Nursia (vor allem im 7. Kapitel seiner Regel), Johannes vom Kreuz, Meister Eckehard, Mechtilde de Bar und viele andere – auch der Volksmund ahnt es –, sie alle bezeugen: Wo der Mensch glaubt, am Ende zu sein, im „Nichts“ zu enden,ereignet sich unerwartet neues Leben, in einer zuvor ungeahnten Dichte und Fülle. Im Licht der unendlichen Liebe Gottes, die sich durch nichts besiegen lässt, kann es als Gemeinschaft mit dem Herrn erkannt werden und zum Leben mit allem Licht und Schatten ermutigen. Sr. Bernadette vermied jedoch – bei aller Begeisterung für das Thema – jede subtile Verliebtheit in geheimnisvoll anmutende Begriffe, wie etwa das des „Nichts“. Sie wies darauf hin, dass wir auf dem Weg des Loslassens schließlich sogar Begriffe und Vorstellungen loslassen müssen, um uns ganz der umgestaltenden Dynamik des Geistes anzuvertrauen, die Leben in Fülle schenkt.

Die französische Föderation lenkte unseren Blick auf die Früchte dieses spirituellen Weges zu Mechtildes Zeiten. Eine besonders schöne Frucht war ihre Gründung des Klosters Rouen, einer der wenigen Gemeinschaften, die seit dem Anfang im 17. Jahrhundert die zum Teil sehr bewegten Zeiten bis heute überlebt haben. Sr. Marie-Jean Manoury aus Rouen beschenkte uns mit einem Vortrag zu Briefen Mechtildes im Zusammenhang mit der Grün- dung ihres Klosters. Sie ermöglichte uns so einen schönen Einblick in die herzliche Beziehung unserer Gründerin zu ihren Mitschwestern, in ihre teilnehmende Sorge, in ihr tiefes spirituelles Empfinden, das auch durch praktische Anweisungen hindurch zu spüren ist, in das lebendige Bewusstsein ihres Auftrags.

Höhepunkt und zeitliche Mitte der Tagung war eine kleine Pilgerfahrt in die Geburtstadt Mechtildes, Saint-Dié des Vosges (Lothringen), die von der französischen Föderation organisiert und großzügig finanziert worden war. Dort empfingen uns der Bischof von Saint-Dié, Mgr. Jean-Paul Mathieu, sein Generalvikar Abbé Pierre-Jean Dumenil, sowie Daniel Grandidier, Leiter des Diözesanmuseums, die den ganzen Tag bei uns blieben. Außerdem begleitete uns Benoît Larger, ein Ratsherr von Saint-Dié, durch dessen Veranlassung es in der Stadt inzwischen einen Catherine-de-Bar-Platz gibt. (So lautet Mechtildes Taufname.) Wir feierten die Eucharistie in der Kathedrale, damals Mechtildes Tauf- und Pfarrkirche, und erneuerten unser Taufversprechen. Die Kirche war im 2. Weltkrieg zerstört und danach wieder aufgebaut worden, doch es gibt noch einige Teile der ursprünglichen Kirche aus dem 12. Jahrhundert zu sehen, auch die Taufkapelle, wie Mechtilde sie wohl gekannt hatte. Eine ausführliche Kirchenführung im Anschluss an die liturgische Feier schenkte uns Einblick in die architektonischen und geschichtlichen Details des Gotteshauses. Darauf durften wir in einer Mediathek neben der Kathedrale unter anderem den Taufeintrag von Catherine de Bar im Original sehen.

Nach dem Mittagessen in der katholischen Schule Saint-Marie besuchten wir die Kapelle Saint-Roch oberhalb der Stadt. Diese Gebetsstätte, die sich mehr oder weniger noch im Originalzustand befindet, suchte Catherine als Kind nach dem Tod ihrer Mutter häufig auf, vertraute sich dort der Gottesmutter an und versorgte die Kapelle mit Blumen. Es war ein dichter Moment, als wir an diesem Ort gemeinsam den Angelus beteten.

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