Ansprache des Heiligen Vaters an die Personen des Geweihten Lebens am 1. Februar 2016

Liebe Schwestern und Brüder,

Ich habe einen Text vorbereitet zu diesem Anlass, um ihn euch vorzutragen, über die Themen des gottgeweihten Lebens, über drei Säulen; es gibt noch mehr, aber es sind drei wichtige für das Geweihte Leben. Die erste ist die Prophetie, die zweite ist die Nähe und als dritte die Hoffnung. Prophetie, Nähe, Hoffnung. Ich habe den Text dem Kardinal Präfekten gegeben, denn es ist ein bisschen langweilig, ihn vorzulesen, und ich spreche mit euch lieber aus dem Herzen. Einverstanden?

Liebe Ordensleute, Männer und Frauen, die dem Dienst des Herrn geweiht sind, die in der Kirche diesen Weg gehen einer starken Armut, einer keuschen Liebe, die zu einer geistlichen Väterlichkeit und Mütterlichkeit für die ganze Kirche führt, und eines Gehorsams. Aber beim Gehorsam fehlt uns immer etwas, denn der vollkommene Gehorsam ist der des Sohnes Gottes, nicht wahr, der sich entäußert hat, Mensch geworden ist, aus Gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Aber es gibt unter euch Männer und Frauen, die einen starken Gehorsam leben – nicht militärisch, nein, das nicht, das wäre Disziplin, das ist etwas Anderes –, die einen Gehorsam der Hingabe des Herzens leben. Und das ist Prophetie. „Aber – hast du keine Lust, dies oder jenes zu tun?…“ „Ja, aber… nach der Regel muss ich das und das und das tun. Und nach den Befindlichkeiten das und das und das. Und wenn ich etwas nicht klar sehe, spreche ich mit dem Oberen, mit der Oberin, und nach dem Dialog gehorche ich.“ Das ist Prophetie gegen den Samen der Anarchie, den der Teufel sät: „Was machst du?“ „Ach, ich mache das, was mir gefällt!“ Die Anarchie des Willens ist Tochter des Teufels, nicht Gottes. Der Sohn Gottes war nicht anarchisch. Er hat die Seinen nicht gerufen, um eine Kraft und Resistenz gegen seine Feinde aufzubauen. Und er sagte zu Pilatus: „Wäre ich ein König dieser Welt, so hätte ich meine Soldaten gerufen, um mich zu verteidigen.“ Aber er hat dem Vater gehorcht. Er betete nur: „Vater, bitte, nein, diesen Kelch nicht… Aber es geschehe, wie du willst.“ Wie oft wird uns etwas aufgetragen, das uns nicht gefällt. [Er macht eine Geste des Schluckens und lächelt.] Man muss es schlucken, und man tut es auch.

Das ist also Prophetie. Es ist, den Leuten zu sagen: „Es gibt einen Weg des Glücks, der Größe, einen Weg, der dich mit Freude erfüllt. Es ist der Weg, den Jesus geht, der Weg der Nähe des Herrn.“ Sie ist eine Gabe, ein Charisma – die Prophetie, und man muss sie vom Hl. Geist erbitten: Ich möge es verstehen, jenes Wort zur rechten Zeit zu sagen, jene Tat im rechten Augenblick zu tun, auf dass mein ganzes Leben eine Prophetie sei. Prophetische Männer und Frauen sein – das ist sehr wichtig. „Aber machen wir doch wie alle Welt…“ Nein! Prophetie ist, zu sagen, dass es mehr gibt: wahrer, schöner, größer, besser, zu dem wir alle gerufen sind.

Das andere Wort ist Nähe. Geweihte Männer und Frauen sein – aber nicht, um mich zu entfernen von den Leuten und alle Bequemlichkeiten zu haben – nein, vielmehr um mich zu nähern und das Leben der Christen und der Nichtchristen zu verstehen: die Leiden, die Probleme und so viele Dinge, die nur zu verstehen sind, wenn ein geweihter Mann, eine geweihte Frau zu Nächsten werden. „Aber Pater, ich bin eine Klausurschwester, was soll ich machen?“ Denkt an die hl. Theresia vom Kinde Jesu, Patronin der Missionen. Mit ihrem brennenden Herzen war sie den Menschen nahe. N ä h e ! Geweiht zu sein bedeutet nicht, ein, zwei, drei Stufen aus der Gesellschaft hervorzuragen. Es ist wahr, oft hören wir Eltern sagen: „Pater, ich habe eine Tochter im Kloster, ich habe einen Sohn, der Mönch ist.“ Und sie sagen es mit Stolz. Es ist wahr, es ist eine Befriedigung für die Eltern, geweihte Kinder zu haben, das ist wahr. Aber für die Geweihten selbst ist es nicht ein Lebensstand, der mich auf die anderen von oben herab schauen lässt. Das Geweihte Leben muss mich in die Nähe der anderen bringen! Körperliche, geistliche Nähe, um die Menschen kennenzulernen. „Ach, ja, Pater, in meiner Gemeinschaft hat uns die Oberin erlaubt, hinauszugehen zu den Leuten in den Armenvierteln.“ „Sag mir, gibt es in deiner Gemeinschaft alte Schwestern?“ „Ja, ja, wir haben eine Infirmerie im ersten Stock.“ „Ach ja, und wie oft am Tag besuchst du die Schwestern, die deine Mutter oder deine Großmutter sein könnten?“ „Ach, Pater, ich bin sehr mit der Arbeit beschäftigt, und ich schaffe das nicht.“ N ä h e ! Wer ist der Nächste eines Geweihten, einer Geweihten? Der Bruder oder die Schwester der Gemeinschaft. Das ist euer erster Nächster. Und es ist eine schöne Nähe, eine gute, liebevolle Nähe.

Ich weiß, in euren Gemeinschaften wird niemals gelästert, niemals, niemals… [Alle lachen…] Lästern ist eine Art, sich zu distanzieren von den Brüdern und von den Schwestern der Gemeinschaft. Das ist der Terrorismus des Lästerns. Ich sage nicht bloß Lästern – Terrorismus des Lästerns! Denn wer lästert, ist ein Terrorist, ein Terrorist in der eigenen Gemeinschaft. Denn er wirft eine Bombe – ein Wort gegen den, gegen den und gegen den, und dann geht er weg, als ob nichts wäre. Wer das tut, zerstört wie eine Bombe, und dann entfernt er sich. Jakobus sprach von der schwersten menschlichen und spirituellen Tugend: die Beherrschung der Zuge. Bist du versucht, etwas gegen deinen Bruder, gegen deine Schwester zu sagen, dann beiß auf die Zunge! [Er macht es vor.] Terrorismus in den Gemeinschaften? Nein! „Aber Pater, wenn es etwas gibt, einen Fehler, der zu korrigieren ist?“ „Sag zu der Person: ‚Das und das stört mich‘ oder: ‚Es ist nicht gut.‘ Und wenn es nicht angebracht ist – denn manchmal ist es nicht klug –, sagst du es der Person, die Abhilfe schaffen kann, die das Problem lösen kann, und niemandem sonst, verstanden?“ Die Lästerungen helfen nicht. „Aber im Kapitel?“ „Dort schon! In der Öffentlichkeit [der Gemeinschaft] sag alles, wovon du spürst, dass du es sagen musst.“ Denn es gibt die Versuchung, die Angelegenheit nicht im Kapitel anzusprechen, und hinterher geht es draußen los: „Hast du gesehen – die Priorin? Hast du gesehen – die Äbtissin? Hast du gesehen – der Obere?“ „Aber warum hast du das nicht im Kapitel angesprochen?“ „Äh, …“ Nein, das ist nicht recht. Ist das klar?

Sie ist kostbar, die Tugend der Nähe. Und die Heiligen hatten das. Die heiligen Geweihten hatten das. Die hl. Theresia vom Kinde Jesu hat sich niemals beklagt über die Arbeit, die Mühe, die ihr die Schwester machte, die sie ins Refektorium begleiten musste, jeden Abend vom Chor ins Refektorium. Niemals. Die arme Schwester war sehr alt und fast gelähmt, sie hatte Schmerzen, ich verstehe das. Und vielleicht war sie auch ein bisschen neurotisch. Nie hat Theresia zu einer anderen Schwester gesagt: „Welche Mühe macht mir diese Schwester!“ Sie half ihr, sich zu setzen, sie reichte ihr die Serviette, schnitt ihr das Brot – und schenkte ihr ein Lächeln. Nähe nennt man das. Aber wenn du die Bombe einer Lästerung in deine Gemeinschaft wirfst – das ist keine Nähe, das ist Krieg. Das ist Sich-Distanzieren, das ist Provozieren: Distanz, Anarchismus. Gelänge es jedem von euch in diesem Jahr der Barmherzigkeit, niemals den lästernden Terroristen zu spielen – das wäre ein Ereignis für de Kirche, ein Ereignis großer Heiligkeit. Habt Mut, gelt? Die N ä h e !

Und dann die Hoffnung. Ich gestehe: Es fällt mir so schwer, wenn ich die Bischöfe empfange und frage: „Wie viele Seminaristen habt ihr?“ „Vier, fünf.“ Gehe ich in eure Gemeinschaften, männliche oder weibliche: ein Novize, eine Novizin, zwei. Und die Kommunität altert, altert, altert… Es gibt Klöster, große Klöster – mein Freund Kardinal Vallejo in Spanien erzählte mir, wie viele es dort sind –, die von vier, fünf alten Schwestern bis zum Schluss geführt werden. Das bringt mich in die Versuchung gegen die Hoffnung. „Aber Herr, was passiert da?! Warum ist der Leib des Geweihten Lebens so unfruchtbar!“ Manche Gemeinschaften machen das Experiment einer künstlichen Befruchtung. Was machen sie? Sie nehmen auf: „Ja, komm, komm, komm…“ Und wenn dann die Probleme drinnen sind… Man muss aufnehmen mit Ernsthaftigkeit, man muss gut unterscheiden, ob es hier um eine echte Berufung geht – und ihr dann helfen zu wachsen. Und ich glaube, gegen die Versuchung zur Verzweiflung, die diese Unfruchtbarkeit nach sich zieht, müssen wir umso mehr beten. Beten, ohne müde zu werden. Mir tut es so gut, diesen Text der Schrift zu lesen über Hanna, die Mutter des Samuel. Sie betete, wollte einen Sohn. Sie betete, bewegte die Lippen, betete. Und der alte Priester, der ein bisschen blind war und sie nicht gut sah, hielt sie für betrunken. Aber das Herz dieser Frau betete unaufhörlich: „Ich möchte einen Sohn, ich möchte einen Sohn.“ Ich frage euch: Beten eure Herzen angesichts dieser Abnahme von Berufungen mit solcher Inständigkeit? „Unsere Gemeinschaft braucht Söhne, unsere Gemeinschaft braucht Töchter.“ Der Herr, der so großzügig gewesen ist, wird es nicht versäumen, sein Versprechen zu halten. Aber wir müssen bitten, wir müssen an die Tür seines Herzens klopfen. Denn es besteht eine Gefahr. Das ist hart, aber ich muss es sagen: Wenn eine Gemeinschaft sieht, dass sie keinen Nachwuchs hat und immer kleiner wird, klammert sie sich ans Geld. Ihr wisst: Das Geld ist der Dünger des Teufels. Wenn eine Gemeinschaft nicht mit Nachwuchs gesegnet ist, denkt sie, das Geld werde ihr Leben retten. Sie denkt an das Alter: „Dies soll mir nicht fehlen, das soll mir nicht fehlen“. Hier gibt es keine Hoffnung! Die Hoffnung ist nur im Herrn! Das Geld wird sie dir niemals geben. Im Gegenteil, es wird dich umwerfen! Verstanden? Das wollte ich euch sagen, anstatt den Text vorzulesen, den der Kardinal euch später geben wird…

Ich danke euch sehr für alles, was ihr tut – die Geweihten, jeder mit seinem Charisma. Und ich möchte unterstreichen: die geweihten Frauen. Was wäre die Kirche ohne Schwestern? Das habe ich schon einmal gesagt: Gehst du in ein Krankenhaus, in die Schulen, in die Pfarreien, in die Stadtteile…, in die Missionen – da sind Männer und Frauen, die ihr Leben hingegeben haben. Bei meiner letzten Reise nach Afrika – ich meine, das hätte ich schon einmal in einer Audienz erzählt – habe ich eine italienische Schwester von 83 Jahren getroffen, und sie sagte mir: „Ich bin hier, seitdem ich – ich erinnere mich nicht mehr genau, ob 23 oder 26 – Jahre alt war. Ich bin Krankenschwester in einem Krankenhaus.“ Seit ihrem 26. Lebensjahr, sagen wir mal, bis zum 83. Lebensjahr. „Und ich habe meinen Angehörigen in Italien geschrieben, dass ich nicht mehr zurückkomme.“ Wenn du auf ein Friedhof in Afrika gehst, und du siehst, wie viele Missionare dort begraben liegen, und so viele Schwestern, die um das 40. Lebensjahr herum gestorben sind, weil sie Krankheiten aufgefangen haben – diese Fieber jener Länder –, die haben ihr Leben hingegeben. Und du sagst: Das sind Heilige! Das sind Samen! Bitten wir den Herrn, auf diese Friedhöfe herabzusteigen und zu sehen, was unsere Vorfahren gemacht haben, und bitten wir ihn um Berufungen. Wir brauchen sie!

Ich danke euch so sehr für diesen Besuch. Ich danke dem Kardinal Präfekt, dem Monsignore Sekretär, den Subsekretären, für das, was ihr gemacht habt in diesem Jahr des Geweihten Lebens. Aber bitte, vergesst nicht die Prophetie des Gehorsams, die Nähe – der wichtigste Nächste, der nächste Nächste ist der Bruder, die Schwester der Gemeinschaft. Und dann die Hoffnung, ja? Der Herr soll euch Söhne und Töchter für eure Gemeinschaften schenken.

Und betet für mich. Danke.

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