Vita Consacrata in Unità, Rom, Januar/ Februar 2016

Internationales Treffen zum Abschluss des Jahres des Geweihten Lebens vom 28. Januar bis 2. Februar 2016 in Rom

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Rom ist große Pilgerströme gewöhnt, auch immer wieder größere Gruppen von Ordensleuten – mal ganz abgesehen von den zahlreichen in der Stadt residierenden Ordensleuten, die zum alltäglichen Stadtbild gehören. Was aber vom 28. Januar bis zum 2. Februar 2016 dort stattfand, war erstmalig in der Geschichte: Papst Franziskus hatte zum Abschluss des Ordensjahres alle Institute des Geweihten Lebens zu einem internationalen Treffen eingeladen: Ordensleute aus aller Welt und allen Richtungen, Frauen des „Ordo Virginum“ (d.h. gottgeweihte Jungfrauen in der Welt, von denen es inzwischen erstaunlich viele gibt), Säkularinstitute, neue Institute und „neue Formen“, die auch Ehepaare und Familien aufnehmen. Sogar Eremiten sollen vereinzelt der Einladung gefolgt sein. Insgesamt kamen Schätzungen zufolge an die 6000 Personen zusammen.

Schnell sprang ins Auge (und ins Ohr), wo der Schwerpunkt des Ordenslebens heute liegt: Die weitaus meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus spanisch sprechenden Ländern, wobei der südamerikanische Slang nicht zu überhören war. Es mag nicht zuletzt an Papst Franziskus liegen, dass Lateinamerika recht gut vertreten war. Man sah aber auch zahlreiche asiatische und afrikanische Gesichter, wobei nicht wenige dieser Ordensleute in europäischen Klöstern eingesetzt sind. Auch aus Europa nahmen stärker die südlichen Länder Spanien und Italien teil, Frankreich ebenso recht zahlreich, Nord- und Mitteleuropa dagegen kaum – mit Ausnahme Polens. Das bedauerliche Fehlen entsprechender mittel- und nordeuropäischer Sprachgruppen und Übersetzungen (Englisch und Polnisch ausgenommen) mag dabei allerdings keine geringe Rolle gespielt haben. Denn nur die Sprachen Italienisch, Spanisch, Französisch und eben Englisch und Polnisch waren von vornherein vorgesehen, was sich natürlich in den Anmeldungen widerspiegelte. Unser Ordensinstitut war erfreulicherweise sehr gut vertreten. Von jeder Föderation waren zwei Schwestern gekommen, in der Regel die Präsidentin und eine andere Schwester. Aus unserer deutschen Föderation nahmen Sr. Theresia Lanfermann (Köln) und Sr. Mirijam Schaeidt (Trier) teil.

Das Treffen, das unter dem Titel stand „Vita consacrata in unità“ (Geweihtes Leben in Einheit), begann am Abend des 28. Januar mit einer beeindruckenden Vigil im Petersdom. Am nächsten Morgen trafen sich alle in der Halle „Paul VI.“ im Vatikan. Nach einem Gebet und der sehr herzlichen Begrüßung durch den Präfekten des Dikasteriums für das Geweihte Leben, Joao Braz Kard. de Aviz, sprach er über „Das Geweihte Leben in der Einheit der Charismen“. Es folgte eine fundierte Abhandlung von P. Christoph Theobald SJ zum Thema: „Das Geweihte Leben in der Kirche. Gemeinsames Fundament in der Vielfalt der Formen“. Für die beiden nächsten Vorträge, die unter dem anspruchsvollen Thema standen „Die kontemplative Dimension des Geweihten Lebens: eine Art, das Heute der Geschichte zu bewohnen. Herausforderungen für die Zukunft“ referierten sinnvollerweise eine Ordensfrau und ein Ordensmann aus verschiedenen Orden und Ländern. Bei der italienischen Äbtissin Maria Ignazia Angelini OSB aus Viboldone kam natürlich ihr Landsmann und Ordensvater Benedikt von Nursia besonders zu Wort, wobei sie unter anderem die Tradition der Lectio Divina betonte. Entsprechend schöpfte der Spanier Miguel Márquez Calle, Provinzial der Unbeschuhten Karmeliten in Kastilien, aus der Mystik seiner spanischen „Ordenseltern“ Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz. In beiden Vorträgen klang die eigene kontemplative Erfahrung im Heute deutlich durch.

Gegen Mittag verließen die meisten die Halle. Die „Kontemplativen“, zu denen auch wir zählten, wurden vom Dikasterium zum Mittagessen an der Päpstlichen Universität Urbaniana eingeladen. Zu Hunderten strömten wir also in einer abenteuerlichen „Prozession“ durch Roms Unterwelt (d.h. unterirdische Durchgänge und Parkhäuser), angeführt von Mons. Orazio Pepe, Leiter der Sektion Vita monastica, an die Uni, wo wir am frühen Nachmittag auch die hl. Messe feierten. Anschließend ging es wieder zurück in den nahegelegenen Vatikan, wo Mons. José Rodríguez Carballo OFM, Sekretär des Dikasteriums, sehr leidenschaftlich über „Das geweihte Leben 50 Jahre nach Lumen Gentium und Perfectae Caritatis. Wege der Umkehr“ sprach. Zum Abschluss wurden Fragen beantwortet, die wir während des Tages schriftlich stellen und in einen Kasten hatten werfen können.

An den folgenden beiden Tagen waren wir nach Lebensformen getrennt. Die „Kontemplativen“ wurden wieder an der Urbaniana erwartet. Offiziell bezeichnet als „klausuriertes monastisches Leben“, waren es vor allem die kontemplativen Frauenorden bzw. die kontemplativen Zweige der entsprechenden Orden: Klarissen, Karmelitinnen, Dominikanerinnen, Benediktinerinnen, Zisterzienserinnen und andere. Die (wenigen) benediktinischen Männer absolvierten ihr Programm in der Gruppe der apostolischen Orden – wobei der eine oder andere Benediktiner sich dann doch mal zu uns „verirrte“. Diese für uns unbefriedigende Wahrnehmung des monastischen Lebens (wobei in einem Vortrag klar wurde, wie mehrdeutig der Begriff „vita monastica“ im Italienischen überhaupt ist, im Gegensatz zum Deutschen) und auch die Verallgemeinerung des weiblich-kontemplativen Ordenslebens als „klausuriertes Leben“ kamen bei einer Aussprache zu Wort. Die Verantwortlichen des Dikasteriums nahmen dies sehr aufmerksam wahr und versprachen, die Besonderheiten des benediktinischen Lebens stärker zu berücksichtigen. Allerdings äußerten auch andere, nicht benediktinische Teilnehmerinnen den berechtigten Wunsch, in erster Linie von ihrer spirituellen Tradition und nicht vom „Klausuriert-Sein“ her wahrgenommen zu werden, das ohnehin (geschichtlich bedingt) nur eine Hilfe und keine wesentliche Eigenschaft des kontemplativen Lebens ist.

Diese Diskussion fand aber erst in der letzten Einheit der Arbeitstage an der Urbaniana statt, an denen bei weitem nicht nur über Klausur geredet wurde. Zunächst einmal die Themen aller Vorträge:

  • Die geschwisterliche Communio in der klösterlichen Gemeinschaft“ (Kard. Braz de Aviz, Präfekt des Dikasteriums)

  • „Bildung in den Klöstern: Erbe der Vergangenheit und Öffnung für die Zukunft“ (Sr. Fernanda Barbiero SMSD, Mitarbeiterin im Dikasterium)

  • „Das autonome Kloster: zwischen Potenzial und Grenzen“ (P. Sebastiano Pacciola, Subsekretär des Dikasteriums)

  • „Die biblisch-theologischen Fundamente der Klausur“ (Mons. José Rodríguez Carballo OFM, Sekretär des Dikasteriums)

  • „Die Föderationen zwischen Gegenwart und Zukunft“ (Mons. Orazio Pepe, Leiter der Sektion für das monastische Leben)

Es war eine Fülle an Informationen und Gedanken, unterbrochen von Gebets- und Mahlzeiten und Austausch in Sprachgruppen zu je 20 Personen, wobei von jeder Gruppe ein schriftliches Protokoll erstellt wurde. Eines wurde deutlich: Die Verantwortlichen des Dikasteriums möchten mit uns ins Gespräch kommen. Sie wollen uns einbeziehen in die Vorarbeit für die neue Apostolische Konstitution zum Ordensleben, die Papst Franziskus demnächst herausgeben wird, nachdem die Konstitution „Verbi Sponsa“ von 1999 von vielen als unbefriedigend empfunden worden war und die veränderte Zeit nach einer neuen Positionierung verlangt. Sie versprachen, dem Papst unsere Anliegen vorzubringen, wobei sie immer wieder betonten, dass er das letzte Wort hat. Im Großen und Ganzen kann man sagen: Wir wurden ernst genommen. Überhaupt waren der Präfekt und seine Mitarbeiter während der gesamten Zeit mit großer Herzlichkeit, Offenheit und beeindruckendem Engagement sehr präsent und zugewandt. Sie scheuten keine Mühe, um uns die Tage so angenehm wie möglich zu machen.

Allerdings hatten sie auch wichtige Anliegen an die Ordensleute. Abgesehen von jenen Anliegen, die den Charakter geistlicher Ermutigungen hatten, wie etwa die Bitte, der Kirche unser Charisma nicht vorzuenthalten, kann man sie in etwa so zusammenfassen:

  • Die Zeit der „isolierten Klöster“ sollte möglichst bald vorbei sein. Alle Klöster, die noch völlig autonom sind (erstaunlicherweise sind es weltweit immer noch die meisten), sollten darauf hin arbeiten, sich in Verbänden wie Föderationen oder Kongregationen zu sammeln, wobei auch darüber nachgedacht wird, den Präsidentinnen der Föderationen und ihren Rätinnen mehr Kompetenzen zu geben, wenn einzelne Klöster nicht mehr in der Lage sind, eine funktionierende Leitung, Noviziatsausbildung und Ökonomie zu garantieren.

  • Die Bildung im Kloster muss einen vorrangigen Stellenwert haben. Damit ist nicht nur Ausbildung und eine bloß intellektuelle Weiterbildung gemeint, sondern kontinuierliche ganzheitliche Bildung vom Eintritt bis zum Tod.

  • Es ist besonders darauf zu achten, wie mit den neu Eintretenden umgegangen wird. Niemand habe das Recht, „das Leben eines jungen Menschen auf dem Altar der Selbstbezogenheit einer Gemeinschaft zu opfern“, hieß es, um ein Kloster krampfhaft zu erhalten oder an nicht mehr zeitgemäßen Ideen und Gewohnheiten festzuhalten. Vielmehr ist achtsam zu prüfen, ob die Voraussetzungen für die menschliche, spirituelle und intellektuelle Reifung eines jungen Menschen von der Gemeinschaft garantiert werden können. Diesbezüglich wurde zu gemeinsamen Noviziaten mehrerer Klöster und Verbände ermutigt, auch wenn dies unter Umständen bedeuten könne, dass sich der eine oder die andere schließlich für ein anderes Kloster entscheidet. Mit Nachdruck wurde darauf hingewiesen, dass die jungen Menschen nicht unser Eigentum sind.

Nach diesen intensiven Arbeitstagen kamen am vorletzten Tag wieder alle in der Halle „Paul VI.“ zusammen. Zunächst wurden wir mit einer tiefsinnigen Lectio Divina zur Nachfolge Christi beschenkt, vorgetragen von P. Innocenzo Gargano OSB, Kamaldulenser in Rom.

Darauf sollte eine „Podiumsdiskussion“ folgen zum Thema „Geweihte heute in der Kirche und in der Welt, herausgefordert durch das Evangelium“. Aber es war eher ein Zeugnis von Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen Formen geweihten Lebens, moderiert durch P. Federico Lombardi SJ. Von den Benediktinerinnen sprach Sr. Ester Stucchi OSB aus Ronco di Ghiffa, Präsidentin der italienischen Föderation der Benediktinerin vom Hlst. Sakrament.

Nach längerer Wartezeit betrat schließlich unter jubelnder Begrüßung Papst Franziskus die Halle. In seiner gewohnten leisen, klaren, zugewandten Art, bei der man leicht das Gefühl hat, als spräche er zu einem ganz persönlich, gab er uns drei wichtige Stichworte mit auf den Weg, die er jeweils etwas erläuterte: Prophetie – Nähe – Hoffnung. Doch, wie es ebenso zu ihm gehört, beschränkte er sich nicht nur auf das Ermutigen. Er legte den Finger auf die Wunde und sparte nicht mit starken aufrüttelnden Bildern, wo er diese Werte des Evangeliums auch im Kloster gefährdet sieht. Dabei lenkte er den Fokus auf Alltägliches: den Umgang miteinander. Scharf geißelte er den „Terrorismus“ des Murrens und Lästerns im Kloster und nannte solche hingeworfenen Bemerkungen „zerstörerische Bomben“ gegen andere, mit denen sich der Murrende und Lästernde in einer feigen Weise distanziert, anstatt den Dialog unter vier Augen zu suchen und Nähe zu schenken. Wohl um uns nicht allzu sehr mit seinen starken Bildern zu erschrecken, meinte er mit einem schelmischen Lächeln: „Ich weiß ja, dass das in euren Gemeinschaften niemals vorkommt…“ – worauf alle lachten…

Der Abend dieses ereignisreichen Tages klang aus mit einem Konzert. Der Chor „Fideles et Amati“, begleitet vom Orchester der Diözese Rom und von einer Tanzgruppe des römischen Operntheaters, führte das Oratorium „Sulle tracce della Bellezza“ auf, aus Anlass des Jahres des Geweihten Lebens von Marco Frisina komponiert, der auch die Gesamtleitung der Aufführung hatte.

Der Vormittag des 2. Februar war für den Pilgergang durch die „Heiligen Pforten“ der römischen Basiliken reserviert. Unsere Gruppe besuchte die Basilika St. Paul vor den Mauern, verbunden mit einer beeindruckenden gemeinsamen Gebetszeit dort. Nach dem Mittagessen in der Urbaniana musste man sich beeilen, in den Petersdom zu gelangen, wo um 17.30 die Eucharistiefeier mit Papst Franziskus beginnen sollte. Es kamen aber so viele Menschen, dass nicht wenige von uns trotz stundenlangen Schlangestehens seit dem frühen Nachmittag draußen auf dem Petersplatz bleiben mussten und die Feier nur über Großbildschirme und Lautsprecher verfolgen konnten – wobei sie allerdings mehr sahen als mancher im Petersdom. Nach der Feier kam Papst Franziskus überraschend zu ihnen hinaus und gab noch ermutigende Worte mit auf den Weg, die mit so warmer Leidenschaft und Güte gesprochen waren, dass sie hier zum Abschluss zitiert sein mögen:

„Liebe geweihte Brüder und Schwestern! Vielen Dank! Ihr habt an der Eucharistie teilgenommen in kühler Luft, nicht wahr? Aber das Herz brennt! Danke, dass wir so, alle zusammen, dieses Jahr des Geweihten Lebens beenden konnten. Schreitet voran! Jeder von euch hat einen Platz, eine Aufgabe in der Kirche. Bitte, vergesst nicht die erste Liebe, den ersten Ruf. Erinnert euch! Mit jener Liebe, mit der ihr gerufen wurdet, ruft der Herr euch heute weiter. Sie soll nicht abnehmen, sie soll nicht abnehmen – jene Schönheit des Staunens nach dem ersten Ruf. Und dann, arbeitet weiter. Es ist schön! Macht weiter! Es gibt immer etwas zu tun. Das Wichtigste ist das Gebet. Der Kern des Geweihten Lebens ist das Gebet. Betet, und so werdet ihr [betend] alt, ihr werdet alt wie der gute Wein.

Ich sage euch etwas: Mir gefällt es sehr, alten Ordensleuten zu begegnen, die leuchtende Augen haben, weil in ihnen das Feuer des geistlichen Lebens entzündet geblieben ist. Es ist nicht ausgegangen, es ist nicht ausgegangen, dieses Feuer. Schreitet heute voran, jeden Tag, arbeitet weiter und schaut auf das Morgen mit Hoffnung! […]

Mögen diejenigen, die nach uns kommen, das Erbe empfangen, das wir ihnen hinterlassen werden!“

 

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